TXL wird UTR: Beispielhafte Konzeption eines innerstädtischen Innovationszentrums

Die Entstehung der „Urban Tech Republic“ (UTR) als bedeutender Standort für das Forschen und Entwickeln im Kontext urbaner Technologien ist die große Idee für die Nachnutzung von TXL. Von Beginn an sollen hier auch technologieorientierte Startups in innovations- und gründerfreundlicher Atmosphäre sich formieren, arbeiten und wachsen können. Anlässlich ihrer Beauftragung durch die Tegel Projekt GmbH zur Ausformulierung des Entwicklungs- und Betriebskonzept für jene Gründerzentren der UTR beschreiben Daniel Bormann und Elena Dellasega von REALACE die methodisch qualitative Auseinandersetzung mit Expertenmeinungen, potentiellen Nutzergruppen und Best Practices als essentiell.

„Urban Tech Republic” – Raum für Pioniere

Moderne Städte werden weiter wachsen und für ihre BewohnerInnen sind nicht nur Wohnraum und Aufenthaltsqualitäten im Öffentlichen zu schaffen, sondern auch attraktive Arbeitsplätze. Gleichzeitig wird mit den Metropolen auch der dringende Bedarf an neuen Lösungen für dichte, einwohnerstarke Stadtgesellschaften größer. Vor diesem Hintergrund gelten zentral oder stadtnah gelegene Wissenschafts- und Industriezentren seit einigen Jahrzehnten als ein entscheidendes Instrument für ökonomisches Wachstum, in Europa und weltweit. Die „Urban Tech Republic“ (UTR), die nach der Einstellung des Flughafenbetriebs in Tegel auf dem hiesigen Gelände entstehen soll, wird als Standort für Forschung, Innovation und Industrie im Kontext urbaner Technologien neue Wirtschaftskraft und Möglichkeitsräume schaffen. Das Nachnutzungskonzept für Tegel bedeutet enormes ökonomisches und stadtkulturelles Potential für Berlin und Umgebung. Umfangreiche Studien belegen den dringenden Bedarf an bezahlbaren Büro- und Laborflächen, während die Zahl technologieorientierter (Aus-)Gründungen hier und international weiter steigt. Mit drei Gebäuden wird nun vsl. ab 2020 der Anfang gemacht und die UTR begründet: In Startup- und Gründerzentren sollen in Tegel dann Jungunternehmen an ihren Ideen, ihrer Innovation, ihrem Produkt arbeiten und als Unternehmen wachsen können. Flächen (wie Büro, Labor, Meeting, Konferenz), die sie hierfür benötigen, sollen ihnen dabei zu konsequent gründerfreundlichen Mietpreisen und -laufzeiten angeboten werden – Land und Bund unterstützen hier im Rahmen der Berliner Wirtschaftsförderung.

Viele Vorbilder, jedoch keine Patentlösung

Zahlreiche Projekte – in- und außerhalb Europas – zeugen heute von erfolgreichen Implementierungen, die die Bedeutung innerstädtischer Innovationszentren als nachhaltige Geschäftsfelder und Orte regionaler Wertschöpfung belegen. Jedoch sind diese Einrichtungen für innovative Forschung, Entwicklung und Produktion hochkomplexe und vielverzweigte Gewächse, die sich unter großem politischen und öffentlichen Interesse ausbilden, dabei jedoch verschiedensten, wechselwirksamen entwicklungs- und umweltökonomischen Faktoren unterliegen. Ein klares Vorbild für den Betrieb zentral verorteter Technologieparks größeren Maßstabs existiert schlichtweg nicht; stattdessen finden auf der ganzen Welt unterschiedliche Modelle Anwendung, deren Erfolgsfaktoren enorm abhängig sind von Standort, Profil, Trägerschaft und Mitteln.

Maßgeschneiderte Methodik

Zur Ausformulierung des Entwicklungs- und Betriebskonzeptes für die Technologie- und Gründerzentren der UTR wurde der phasenweise Aufbau einer Studie nötig, der zwar grundsätzlich dem Vorgehen beim klassischen Benchmarking entspricht, den es jedoch detailsensibel anzupassen galt auf das international einmalige Vorhaben in Tegel, das geprägt ist durch zahlreiche projektspezifische räumliche wie strukturelle Besonderheiten und Präkonditionen. Die Aufgabe, eine Arbeitsumgebung zu kreieren, die (innovations)anregend und – den tatsächlichen Bedarfen der MieterInnen entsprechend – perfekt ausgestattet ist, ist hochkomplex und involviert viele Sichtweisen und Parteien, sodass nur die Fokussierung auf die Nutzerperspektive immer wieder die Orientierung schärfen und die gemeinsame Richtung aufzeigen wird.

»Wer meint, alles schon mal gehört zu haben oder zu wissen, wird die entscheidenden Zwischenlaute und Untertöne verpassen.«Elena Dellasega, REALACE

Die Blickwinkel und Erfahrungswerte ausgewählter GesprächspartnerInnen und ExpertInnen aus Industrie, Wirtschaft, Wissenschaft und Stadtentwicklung, aus der deutschen und Berliner Gründerszene sowie aus der Geschäftsleitung erfolgreicher nationaler und europäischer Innovationszentren wurden im Rahmen dieser Untersuchung zur Grundlage für die Identifikation und Beschreibung der konkreten Bedarfe und Bedürfnisse künftiger Nutzerschaften. Entscheidende Erfolgsfaktoren und Schlüsselthemen sowie die Ausformulierung einer Vision für den entstehenden Ort und dessen „Charakter“ ließen sich entlang dieser Form von qualitativer Analyse fundiert ermitteln.

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Intelligente Raumgefüge als Schlüssel zum jungunternehmerischen Erfolg

Wer die nächste Generation technologieorientierter GründerInnen bei ihren Vorhaben engagiert und effektiv fördern will, sollte ihnen mit Angeboten jenseits der viel gehörten Vorurteile gegenüber der (Berliner) Startup-Szene und jeglicher „Tekkie“-Klischees begegnen. Hinzu kommt, dass für die jungen und wachsenden Unternehmen im Feld der Urban Technologies, innerhalb dessen eine Realisierung von Ideen und Produkten mitunter lange Entwicklungszyklen mit sich bringt, stabile Verhältnisse – im Team wie im direkten Arbeitsumfeld – erfolgsentscheidend sind. Denn mit dem Schritt in die Professionalität, mit der Anmietung eines Büros oder Labors, mit dem Eintritt in eine Community, beweisen sie Entschlossenheit, gleichzeitig gehen sie echte Risiken ein.

Raumangebote, die Gründungsunternehmen Flexibilität ermöglichen und ergebnisoffene Entwicklung(en) unterstützen sollen, werden im Markt allerdings allzu oft und allzu schnell als modulare Architekturen und „open office“ gedacht und Technologiezentren, wie die Analyse zeigte, z. T. immer noch entlang hermetischer Raumprogramme entworfen. Dass gerade solche Strukturen bestimmte Nutzungsweisen jedoch eher diktieren können statt individuelle bzw. projektspezifische Möglichkeitsräume zu eröffnen – sie zudem meist teuer in der Anschaffung und betrieblich aufwändig sind – findet dann im Diskurs zu wenig Beachtung. Zudem werden sie einer bedeutenden Prognose nicht gerecht, die mittlerweile von führenden DenkerInnen und UnternehmerInnen prominent kommuniziert und praktiziert wird: die Erkenntnis und Erwartung, dass kollaborative Strukturen immer mehr zum Ursprung und Motor für Innovationen werden.

Ebenjene „innovationsfördernden“ Strukturen gilt es, so unser Ansatz, entsprechend der immer kollaborativer werdenden Arbeitsmodi- und modelle junger Entwickler und Unternehmer zukunftsorientiert zu modifizieren, was in bestimmten Bereichen auch ein Aufbrechen konventioneller Lösungen mit sich bringen wird.

»Kollaborative Arbeitsformen durch räumliche Verhältnisse und Gelegenheiten zu begünstigen, bedeutet nicht zwingend ‚open space‘. Viel eher sollten wir nach Lösungen suchen, durch die das Arbeiten und Zusammenarbeiten für die Nutzer situations- und projektspezifisch gestaltbar wird.« Daniel Bormann, Geschäftsführer von REALACE

Nicht zuletzt eine Frage des Betriebs

Das Management bzw. der Betreiber eines Innovationszentrums sollte – so die Learnings aus Expertengesprächen und Exkursionen – selbst Begeisterung für Technologie, Veränderung und Austausch ausstrahlen; sollte charismatisch und aktiv sein. Mit den Jungunternehmen interessiert, engagiert, verständnisvoll und auf Augenhöhe zu kommunizieren, ist die Haltung, die ein „gestaltender Betreiber“ braucht, um sie entsprechend ihrer jeweiligen Phase begleiten zu können und zum Motor der Zentren, zum glaubwürdigen Ansprechpartner und zu einem Teil der Community zu werden. Nimmt man diese Bedeutungszuschreibung als Rollenprofil sowie ökonomisch realen Faktor ernst, sind die betriebliche Gestaltbarkeit von Entwicklungsräumen, von interner und externer Kommunikation, von Netzwerkbeziehungen, von Entscheidungen über Art und Umfang der Ausstattung (in Sachen Hardware als auch im Bereich Beratung und Coaching) entscheidend für den Erfolg des Konzeptes, und die Atmosphäre des Ortes.



Bildmaterial: © Gerhard Kassner
Quelle: berlintxl.de/service/mediathek


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